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Joseph Roth – Das Spinnennetz

OA: 1923

127 Seiten

ISBN: 3423131713


Kurzbeschreibung

Leutnant Lohse ist, nach dem Ende des ersten Weltkrieges heimgekehrt, Hauslehrer in einer jüdischen gut situierten Familie.

Lohse ist ein unauffälliger Mensch, der wenig Beachtung bekommt. Erst die aufkommenden geheimen Organisationen und Parteien der Nachkriegszeit vermitteln ihm wieder ein Dazugehörigkeitsgefühl, in welchem er Bekanntschaft mit Macht und Ansehen schließt.


Eigene Meinung

Lohse ist das Paradebeispiel eines Menschen, der nicht in der Lage ist, mit Macht umzugehen. Er hat es im Leben nicht weit gebracht, ist frustriert und nicht fähig, seinen ausbleibenden Erfolg und die nicht erreichten gesellschaftlichen Positionen dem eigenen Unvermögen oder Versagen zuzuschreiben. Stattdessen sucht er nach Sündenböcken, sieht sich selbst konsequent in der Opferrolle und entwickelt dabei eine Arroganz und Selbstverliebtheit, die regelrecht schaudern lässt.

Er verkörpert den typischen Mitläufer der Nationalsozialisten. Kaum erhält er im Rahmen der geheimen Organisationen Macht, ist er bereits unfähig, verantwortungsvoll mit ihr umzugehen. Er wird willkürlich, entwickelt diktatorische Züge und sieht sich selbst beinahe als gottgleich. Zwar lebt er dadurch weder besser noch glücklicher, doch gelingt es ihm, mithilfe dieser neu gewonnenen Macht sein eigenes leeres, verkorkstes und freudloses Leben in den Hintergrund zu drängen. Er belügt sich selbst mit der Vorstellung, nun dazuzugehören und Freunde zu haben.

Wie eine Spinne sitzt er in seinem Netz und wartet auf Rache. Diese richtet sich jedoch nicht gegen jene, die ihm tatsächlich gefährlich werden könnten, sondern trifft Menschen, die ihm niemals Schaden zugefügt haben. Sie werden zu Bauernopfern, weil er sich an die Stärkeren nicht herantraut. Ein zutiefst armseliger Mensch, der nur dann Mut zeigt, wenn ihm ein deutlich Schwächerer gegenübersteht.

Das Erschreckendste an diesem Roman ist die Erkenntnis, dass es immer wieder viel zu viele Lohses geben wird, denen niemand Einhalt gebietet. Joseph Roth schreibt klar und schnörkellos, und genau diese Nüchternheit verleiht dem Roman seinen erschreckend realistischen Charakter.

Ein sehr gutes Buch, das ich uneingeschränkt weiterempfehlen kann.

 
 
 

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