Amos Oz – Judas
- Hannah Wolf
- 14. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
OT: Habesora Al Pi Jehuda
OA: 2014
335 Seiten
ISBN: 978-3518424797
Inhalt:
Das Leben des jungen Schmuel Asch ändert sich im Winter 1959 von Grund auf: Seine Freundin verlässt ihn, seine Eltern melden Konkurs an, und er muss sein Universitätsstudium abbrechen. Verzweifelt findet er Unterschlupf und Arbeit in einem alten Jerusalemer Haus als Gesellschafter für einen behinderten, rhetorisch gewandten Mann. Als Schmuel sein neues Domizil bezieht, begegnet er der schönen und aufregenden Atalja Abrabanel, die beinah doppelt so alt ist wie er. Sie macht ihm unumwunden klar, dass es besser wäre, sich nicht in sie zu verlieben, andernfalls würde er seinen Arbeitsplatz sofort verlieren, wie alle seine Vorgänger. Die drei Protagonisten des Romans wohnen zurückgezogen in dem Steinhaus am Rand der Stadt, und zunächst scheint es, als führten sie ein ruhiges Leben. Im Innern des schüchternen und sensiblen Schmuel bricht ein Sturm los. Die Begierde nach Atalja und seine Neugier wandeln sich langsam in eine verzweifelte Verliebtheit. Er beginnt wieder sich mit seiner Forschungsarbeit über „Jesus in der Perspektive der Juden“ zu beschäftigen und verliert sich in dem geheimnisvollen Sog, den Judas Ischariot, die Verkörperung des Verrats und der Niedertracht, auf ihn ausübt. Und allmählich entschlüsselt er die Geheimnisse, die in diesem dunklen und einsamen Haus geistern und in die seine Bewohner auf dunkle Art verstrickt sind. In diesem Roman kehrt Amos Oz zum Milieu einiger seiner bekanntesten Bücher wie »Mein Michael« und »Eine Geschichte von Liebe und Finsternis« zurück, in das geteilte Jerusalem der fünfziger Jahre. Die zarte, wilde Liebesgeschichte ist eingebettet in die Landschaft der winterlichen Stadt und in die Ereignisse am Ende der Regierung Ben Gurion. Gemeinsam mit seinem Protagonisten prüft Oz mutig die Entscheidung, einen Judenstaat zu errichten, samt den Kriegen, die sie zur Folge hatte, und stellt die Frage, ob man einen anderen Weg hätte gehen können, den Weg derer, die als Verräter gelten.
Eigene Meinung:
Amos Oz hat hier ein Buch der ganz besonderen Art geschrieben. Es ist ein Roman, aber die Thematik könnte doch viel mehr für ein Sachbuch dienen, denn die in dem Roman enthaltene Liebesgeschichte findet eher nur in Hintergrund statt.
Hauptthemen dieses Romans sind Religion, Verrat und Politik und dies in Bezug auf ein einziges Land: Israel.
Der Roman spielt im Winter 59/60, fast 10 Jahre nach der Staatsgründung. Handlungsort ist Jerusalem.
Auch die Liebe findet hier in diesem Roman eine Nische, aber sie ist fast irrelevant für die Handlung und Thematik.
Dieses Buch ist auch wirklich nur den Lesern zu empfehlen, welche sich mit Israel, dem Nahostkonflikt und der israelischen Gesellschaft beschäftigen und setzt zudem ein gewissen Hintergrundwissen voraus, um wirklich den geistigen Inhalt dieses Romans folgen zu können und ihn dementsprechend auch verstehen.
Außer Frage steht, dass Amos Oz wieder einmal gezeigt hat, wie gut er mit Worten umgehen kann, wie außergewöhnlich er Atmosphären und Stimmung fast nebenher beschreibt.
Die Idee, diesen Roman im winterlichen Jerusalem spielen zu lassen, war hervorragend, denn Wetter, Temperatur und Klima passen hervorragend, um die Stimmung der Protagonisten zu untermalen und zu kräftigen.
Das Hauptthema Verrat verbindet in diesem Buch auf geniale Weise Politik mit Religion und Amos Oz wirft hier durch Gedanken Fragen auf, die beschäftigen. Vor allem aber die Frage: Was macht einen Verräter zum Verräter? Ist ein gebrandmarkter Verräter wirklich ein Verräter? Was wird missverstanden, kann man mit Verrat versuchen den Verratenen zu unterstützen? Unglaubliche und höchst interessante Gedankengänge wurden hier präsentiert. Insofern fand ich auch die verhältnismäßig kurzen Kapitel ausgesprochen angenehm, denn sehr oft nahm ich so die Möglichkeit wahr, über das gelesen nachzudenken. Oz ist wie immer neutral in seinem geschriebenen Wort, und gesteht dem Leser die Fähigkeit zu, selbst zu urteilen. Allerdings entwirft er durch einige hypothetische Änderungen in der Geschichte der Religion und der Politik seltsame Konstrukte einer gänzlich anderen Zukunft, die es verdienen überdacht zu werden.
Eingebettet ist all dies in ein sehr ungewöhnliches Bild von Jerusalem, nämlich in einer kalten, nassen und eher menschenunfreundlichen Atmosphäre. Wie passend. Amos Oz lässt den Leser diese Stadt in diesem besonderen Winter mit allen Sinnen erleben.
Für Leser, die diesen Roman lesen möchten, weil sie einen spannenden Roman mit einer romantischen Liebesgeschichte erwarten, sei abgeraten, ihn zu kaufen, denn diesen Erwartungen entspricht er nicht. Im Gegenteil; für Menschen, welche sich nicht intensiv mit der Thematik des Nahostkonfliktes befassen, wird dieser Roman eher zäh und langweilig erscheinen.
Für mich jedoch, war dieses Buch eine Bereicherung und ich habe es genossen, in der wundervollen Sprache von Amos Oz, mich mit den oben genannten Themen auseinander zu setzen.
Jedoch frage ich mich, ob es nicht geschickter gewesen wäre, dieses Buch als ausschließliches Sachbuch zu schrieben mit der Prämisse auf die Liebesgeschichte einfach zu verzichten.
Außerdem sollte erwähnt werden, dass es ein großer Verdienst der Übersetzerin Mirjam Pressler ist, dass dieses Buch seine Wirkung und Intension beibehielt.




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