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Chris Cleave – Lieber Osama


OT: Incendiary

OA: 2005

304 Seiten

ISBN: 978-3499258800


Klappentext:

Beim wichtigsten Fußballspiel des Jahres explodieren mitten im Londoner Arsenal-Stadion mehrere Bomben. Tausend Menschen sterben. Massenpanik. Paranoia. Die Stadt ist im Ausnahmezustand. Eine junge Frau verliert bei dem Terroranschlag ihren Mann und ihren Sohn. Nach wochenlangem Krankenhausaufenthalt und Schockzustand macht sie sich in einem Brief an Osama bin Laden persönlich Luft. Und sie lässt dabei nichts aus ...


Eigene Meinung:

Dieses brisante Thema durch eine Protagonistin kommentieren zu lassen, deren Sprache bewusst derb und ungefiltert ist, stellt eine echte Gratwanderung dar. Sie schreibt, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, was stellenweise beinahe an Pietätlosigkeit grenzt – die Betonung liegt jedoch auf beinahe. Gerade diese Direktheit macht den Roman so außergewöhnlich.

Die namenlose Erzählerin hat es mir nicht leicht gemacht. Sie gehört mit Sicherheit nicht zu den Menschen, mit denen man freiwillig Zeit verbringen möchte. Doch genau darin liegt die Stärke des Buches. Diese Frau ist nicht nur das unschuldige Opfer eines Terroranschlags, sondern trägt auch viele unsympathische Eigenschaften in sich. Chris Cleavegelingt es dennoch – oder gerade deshalb –, tiefes Mitgefühl für sie zu erzeugen, das sich im Verlauf der Lektüre sogar in Sympathie verwandelt. Wäre die Protagonistin liebenswert, ruhig, gebildet und kontrolliert, hätte der Roman längst nicht dieselbe Wirkung.

Umso erschütternder ist dies vor dem Hintergrund, dass eines der Opfer ihr vierjähriger Sohn ist. Die emotionalen Folgen, bis hin zu massiven psychischen Schäden und Störungen, werden eindringlich beschrieben und sprachlich so präzise gefasst, dass es einem stellenweise selbst die Sprache verschlägt. Die Briefform verstärkt diese Wirkung zusätzlich, da sie den Terroranschlag auf eine sehr persönliche Ebene hebt. Immer wieder wird deutlich, dass hinter solchen Taten bewusste Entscheidungen stehen – Entscheidungen, die wahllos töten und auch vor Kindern nicht haltmachen.

Die Schrecken des Anschlags nehmen einem fast den Atem, nicht zuletzt mit dem Wissen, dass diese Geschichte in gewisser Weise keine reine Fiktion ist. Doch nicht nur der Terror selbst wirkt erschütternd. Auch die Art und Weise, wie die Gesellschaft – im öffentlichen wie im privaten Raum – mit diesem Horror umgeht, ist zutiefst verstörend. Menschen, die selbst zu den „Opfern“ gehören, reagieren mit einer Kaltblütigkeit, die Angst macht.

Das Fazit dieses Buches ist eindeutig: Ganz gleich, wie unausstehlich, hartherzig oder vulgär ein Mensch sein mag – nichts kann Attentate rechtfertigen, die nicht nur die unmittelbaren Opfer, sondern auch die Überlebenden nach und nach in ihrem Menschsein zerstören.

 
 
 

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