Die Sprache ist die Quelle der Missverständnisse
„Sprache ist eine große Quelle für Missverständnisse“
Viele werden dieses Zitat aus Antoine de Saint-Exupérys Der kleine Prinz kennen. Ich selbst habe es oft gelesen, denn es ist eines meiner Lieblingsbücher, in welches ich immer wieder hineinschaue, um das ein oder andere Kapitel zu lesen. Wie viel Wahrheit jedoch in diesem zunächst paradox klingenden Satz steckt, wird mir in letzter Zeit immer bewusster.
Wir sprechen dieselbe Sprache, aber verstehen wir uns?
Wir sprechen oft zueinander, aber sprechen wir auch miteinander?
Diese beiden Fragen muss ich immer häufiger mit einem klaren „Nein“ beantworten.
Woran liegt es?
An uns Menschen?
An unserer Art zu sprechen?
An unserer Unfähigkeit, dem anderen zuzuhören?
Ich denke, es ist ein wenig von allem, aber vor allem ist es die Art und Weise, wie wir kommunizieren.
Es ist schon schwer genug, in einem Gespräch die richtigen Worte zu finden, um auch nur ansatzweise zu vermitteln, was wir mit dem Gesagten wirklich meinen. Wir sprechen dieselbe Sprache, aber ein Satz in dieser Sprache löst bei jedem Individuum ein völlig anderes Bild im Kopf aus, vermittelt unter Umständen sogar völlig konträre Emotionen. Wenn ich zu einem guten Freund sage: „Ich freue mich, dich zu sehen“, dann löst dieser Satz bei mir ein Gefühl tiefster Verbundenheit und Liebe aus.
Genau dieser Satz wird vom Gegenüber gehört – doch verstanden wird oft etwas anderes als das, was eigentlich gemeint war. Es schließt sich die Frage an, welche Emotionen es auslöste und wie stark sich diese bei Sender und Empfänger unterscheiden.
Vielleicht, aber eventuell hört er die Worte und denkt: „Sie freut sich, mich zu sehen. Anscheinend findet sie mich ganz sympathisch.“
Was ist „denken“?
Ist es Sprache?
Ja, denken ist eine Art nonverbale Sprache auf einer sehr impliziten Ebene, aber ist „empfinden“ und „fühlen“ ebenfalls Sprache?
Nein. Definitiv nicht.
So, und nun?
Wir haben bei einem Satz, der gesprochen wird, zwei Aspekte. Zum einen die Sprache in Form eines körperlichen Ausdrucks, zum anderen ein rein psychisches Erlebnis.
Wie aber bringt man Körper und Psyche unter einen Hut, sodass daraus auch eine Kohärenz entsteht?
Gibt es einen Kohärenzfaktor, der den Dialog zweier Menschen in adäquater Form subsumiert?
Anscheinend nicht zwingend, denn um bei dem oben genannten Beispiel zu bleiben, verbindet die Begriffe „Sympathie“ und „Liebe“ definitiv nicht derselbe Bedeutungsgehalt. Wo liegt aber der Fehler, wenn es denn ein Fehler ist? Bedarf es gewisser Prämissen, damit wir miteinander reden können, und wenn ja, welche?
Sprache – ein erfundenes Konstrukt, nicht materiell, nicht genuin und nur konstituiert als Mittel zum Zweck – die Quelle aller Missverständnisse.
Hat der Fuchs recht?
Wir Menschen maßen uns an, uns vom Tier positiv und überlegen abzuheben, indem wir in der Lage sind, sprechen zu können.
Sind wir wirklich so überlegen?
Haben wir Menschen hier etwas erfunden, was so herausragend ist, dass es uns zur Krone der Schöpfung macht?
Haben wir es aufgrund der Sprache besser als Tiere?
Haben wir ein besseres Sozialverhalten durch unsere Fähigkeit zu sprechen?
Verbindet Sprache die menschliche Spezies oder ist eher das Gegenteil der Fall, dass sie uns trennt und sogar entfremdet?
Verstehen wir uns wirklich oder teilen wir lediglich unsere eigenen Gedanken mit, führen Monologe und verlieren das Interesse daran, den anderen wirklich zu verstehen?