top of page
  • Facebook
  • Twitter
  • Instagram
  • YouTube

Russel 1972-2018

Es war ein kalter Nachmittag im November. Die warme Atmosphäre, welche das Café ausstrahlt tat gut. Wir hatten uns vor einer Woche für diesen Tag verabredet und saßen nun hier und redeten über verschiedene Themen. Ich fühlte mich wohl und nahm den Satz wahr ohne ihn wirklich zu begreifen. „M. rief mich heute an und erzählte mir, dass Russel gestorben sei. Kanntest du ihn?“

​

Ich sah meine Freundin immer noch an, ohne zu verstehen, weil ich in diesem Moment weder verstehen wollte noch konnte. Es konnte nicht sein, dass sie den Russel meint, den wir so sehr ins Herz geschlossen hatten, als er für zwei Jahre in unserer Stadt lebte und den wir einmal die Woche sahen. Er ist zwei Jahre jünger als ich. Jung, gesund immer mit dem Fahrrad unterwegs. Sofort schiebt sich vor mein inneres Auge ein Bild von ihm. Lachend, fröhlich und voller Energie. Ich hatte ihm das letzte Mal vor zwei Monaten geschrieben, aber er hatte sich weder bei mir noch bei Astrid gemeldet. Keine Antwort, kein Wort – untypisch. Ich dachte damals: Vielleicht bricht er immer die Brücken hinter sich ab, wenn er etwas Neues beginnt, aber das hätte nicht zu ihm gepasst.

​

„Wen meinst Du? Russel, der für zwei Jahre hier gelebt hat, aus USA und der jetzt in Nizza wohnt und arbeitet?“ Mein Blick ist auf die Augen meiner Freundin gerichtet, die anscheinend zu begreifen beginnt, dass ich irritiert bin. Mehr ist es auch nicht. Ich bin lediglich irritiert, denn diese Nachricht kann ich in keinen Kontext zu unserem Russel stellen. Warum auch? Er ist jung, hat noch ein langes Leben vor sich. Er will noch viel von der Welt sehen. Ich merke, wie meine Freundin mit der Antwort zögert, ihre Augen mein Gesicht überprüfen, während sie überlegt, was sie jetzt sagt. Vielleicht steht mir auch die Angst ins Gesicht geschrieben. Die Angst vor einer Wahrheit, die in einem Bruchteil einer Sekunde mit einer Flut von Gedanken mein Gehirn durchströmt und dazwischen immer wieder meine eigenen Worte, wie ein Mantra Nein, das kann nicht sein. Nein, nicht unser Russel.

 

„Ja“

 

Einfach nur zwei Buchstaben. Zwei Buchstaben, die vernichtend sind. Ruhig und klar ausgesprochen. 

 

„Nein“, ist alles was ich sagen kann. 

 

Alles um mich herum verschwindet in einem Nebel, das Café, die Menschen, die Geräuschkulisse.

 

„Nein, nein, nein, das kann nicht sein!“

 

Ich merke, wie mir Tränen über die Wangen laufen, obwohl ich nichts fühle. Ich fühle keinen Schmerz, keine Trauer, nichts…

Russels Gesicht erscheint vor meinem inneren Auge. 

 

Ich sehe seine unglaublich gruselige Wollmütze mit den Bommeln

Ich sehe ihn auf dem Fahrrad durch die Stadt radeln

Ich sehe ihn bei einem Konzert in Mainz - auf einem Tisch sitzend, mit den Beinen baumelnd. 

Ich sehe ihn dünn und schlaksig, in viel zu weiten Klamotten, die meilenweit entfernt sind, von dem was man als modisch bezeichnen würde.

Ich sehe ihn, wie er lachend die doppelte Menge Brot ablehnt, die ihm der Rabbiner geben will, begleitet von den Worten: „Du musst essen.“

 

Ich sehe Sequenzen aus unserer gemeinsamen Zeit mit Astrid, in welchen wir Tränen in den Augen haben vor Lachen.

Daher stammte auch eines seiner Lieblingsworte in Deutsch: „Klunker“

Astrid hatte einen Pulli an und darüber eine riesige silberfarbene Kette mit Strass-Steinen. Er deutete auf die Kette und fragte: „Wie nennt man das?“ und meine Tochter antwortete: „Das ist Klunker“. Er wiederholte das Wort mit seinem amerikanischen Akzent und der Begeisterung eines Kindes, ein neues Wort gelernt zu haben. Auch jetzt noch, während ich dies schreibe und mein Herz traurig ist, muss ich lachen. 

So wie gestern, als ich es Astrid erzählte und wir uns weinend umarmten. Dann sagte sie auf einmal: „Kannst du dich noch an diese fürchterliche, potthässliche Mütze erinnern, die er immer im Winter aufhatte?“ und noch während uns die Tränen das Gesicht hinunterliefen mussten wie beide laut lachen. 

Das war eine seiner wundervollsten Eigenschaften. Seine Präsenz vermittelte immer ein gutes, unbeschwertes, fröhliches Gefühl der absoluten Freiheit das Leben zu genießen. 

 

Nie habe ich ihn traurig gesehen

Nie habe ich ihn wütend gesehen

Nie habe ich ihn genervt gesehen

Nie habe ich ihn müde gesehen

Nie habe ich gehört, dass er über jemanden etwas Schlechtes sagt

 

Er ist – war - das pure Leben in all seinen positiven Facetten. 

 

Seine unglaubliche Gelassenheit und sein Gottvertrauen, dass alles schon werden wird… das hat uns wahnsinnig gemacht. Zu wissen, er hat all sein Hab und Gut verkauft, lebte nur noch mit ein paar Kisten, hatte seinen Job gekündigt und würde in einer Woche seine gekündigte Wohnung verlassen und sich auf den Weg nach Nizza machen, ohne einen Arbeits- oder Mietvertrag unterschrieben zu haben. 

 

„Du bist irre“, sagten Astrid und ich immer zu ihm. Er strahlte uns an, lachte sein herzliches Lachen und meinte nur „Ich weiß.“

 

Ich sehe seinen Vater vor mir, der stolz und liebevoll seinen Sohn ansieht. Der den weiten Weg von Chicago auf sich nahm, um die Freunde und die neue zeitweilige Heimat seines Sohnes kennenzulernen. Nun wussten wir auch, woher er seine Herzlichkeit und seine Fröhlichkeit hatte. 

 

Die Bilder verblassen und ich kehre zurück aus meinen Erinnerungen. 

Meine Freundin sitzt vor mir und sagte nur „Es tut mir so leid. Hätte ich nur nichts gesagt. Ich wusste nicht, dass ihr Euch so nahestandet.“

Ich winke ab. „Ist schon gut. Lieber erfahre ich es von dir als von jemandem anderen.“

Wir verabschieden uns, denn ich muss weiter, aber der Tag hat nun auch den Rest seiner Farben verloren. Ich gehe zu meinem Auto, vorbei an all den Orten, die Erinnerungen an Russel beinhalten.

 

Nach und nach dringt die Realität durch mich hindurch und das Begreifen beginnt, dass der immer wieder aufgeschobene Besuch in Nizza auf seine Einladung hin, nie stattfinden wird. Ich denke an seine Abschiedskarte, welche er meiner Tochter und mir schrieb. 

In Deutsch, obwohl es für ihn eine Fremdsprache ist, obwohl wir uns genauso gut in englisch verständigen können. 

Er ist nicht nur fröhlich und nett, er ist auch höflich, empathisch, zuvorkommend, respektvoll und demütig.

 â€‹â€‹

Wir verbrachten einen letzten Abend mit ihm, luden ihm zum Essen ein und es war für uns trotz all der Fröhlichkeit und Unbeschwertheit, die diesen Abend auszeichnete, auch ein trauriger Moment; zu wissen, dass er uns verlassen würde um im Süden Frankreichs zu leben. 

 

Keiner von uns bedachte, dass es zwar einige hundert Kilometer sein würde, die uns trennen, aber dennoch die Option besteht, sich wiederzusehen und er zwei Jahre später an einem Ort sein würde, der keine Besuche mehr gestattet. 

 

Wie hätten wir es bedenken können? Gar nicht. 

Wir sind zu selbstsicher

Wir denken, wir haben alles in der Hand

Wir glauben, wir bestimmen unser Leben aber…

 

Wir sind ihm ausgeliefert, mit all seinen Tücken und dem fehlenden Fairplay. 

Der Schmerz kommt nach und nach. Meine Gedanken kreisen seit gestern um ihn und immer wieder fallen mir Geschichten zu ihm ein, Situationen, die wir gemeinsam erlebten und sie alle sind umrahmt von einem guten fröhlichen Gefühl und dem Glück, dass es uns vergönnt war, ihn zu kennen. 

 

Er war a Mentsch!

 

Russel, Du bist fort und Du fehlst, aber Du wirst in unseren Herzen Deinen Platz behalten, den wir immer mit einem Lächeln besuchen.

 

Schalom Russel, wo auch immer du jetzt bist, Hannah

​

​

Unbenannt.jpg
bottom of page