Orte der Freiheit
Initiiert von einigen Mitgliedern einer jüdischen Gemeinde in Deutschland, fand an einem Nachmittag, im April 2024, ein Film-Treffen statt, zu dem ich zusammen mit einer Freundin ging, die die Organisatoren kannte. Wir waren eine Gruppe von ungefähr zwölf jüdischen Menschen und versammelten uns in der privaten Wohnung unserer Gastgeber. Abgesehen von meiner Begleiterin kannte ich niemanden vor Ort, doch was mich sofort beeindruckte, war die Leichtigkeit, mit der sich die meisten, die einander fremd waren, schon nach wenigen Minuten angeregt unterhielten.
Es war ein unglaubliches Gefühl der Sicherheit, das ich schon lange nicht mehr empfunden hatte – ich, die langsam schon begann paranoide Züge zu entwickeln und hinter jedem Busch einen Antisemiten vermutete.
Es war ein sicherer Hafen, inmitten einer deutschen Großstadt. Menschen, die sich zuvor nicht kannten, empfanden kein Gefühl der Fremde, stellten sich einander und ihre persönliche Geschichte nach dem 7. Oktober vor.
Es war wie das Zusammentreffen von Familienmitgliedern, die sich aufgrund räumlicher Entfernung noch nie gesehen hatten und sich nun das erste Mal trafen.
Wir wussten nichts voneinander, aber wir vertrauten uns im selben Moment, in dem wir uns begegneten. Wir konnten alle frei reden, denn wir mussten uns nicht rechtfertigen oder gar dafür entschuldigen, dass wir Juden sind.
Jüdisch zu sein ist nicht meine Hauptidentität, denn es gibt so viel mehr, was mich als Mensch ausmacht, aber durch die geopolitische Lage unserer Zeit hat dieser Teil meiner Identität eine sehr hohe Priorität gewonnen. Nicht aus dem Grund, dass ich ihr selbst diese Relevanz zuweise, sondern weil sie mir von meinem gesamten nicht-jüdischen Umfeld zugewiesen wird. Sie stereotypisieren und reduzieren mich auf diese eine Facette meiner Person, die aber nur ein Teil von mir ist.
Dadurch, dass ich im Moment auf diese Identität reduziert werde, bleibt mir gar nichts anderes übrig, als meine sozialen Kontakte vor allem im Kreise meiner jüdisch-israelischen Freunde zu festigen, weil ich nur noch dort eine Sicherheit empfinde, die mir abhandengekommen ist.
Ich bin nicht alleine mit diesen Gefühlen. Viele meiner jüdischen Freunde machen die Erfahrung, dass wir zum einen als „Experten“ für den Krieg in Gaza befragt werden, zum anderen aber den Vorwurf entgegen geschleudert bekommen, voreingenommene Israelis zu sein, die „ihre Sache“ und den Krieg in Gaza schönreden, rechtfertigen und „die andere Seite“ dämonisieren. Wer hier wen dämonisiert, ist jedoch eine Sichtweise, die mehrere Perspektiven hat. Schuldzuweisungen, um von eigenen Fehlern abzulenken, erfolgen nicht nur heutzutage sehr schnell. Das war auch eines der Themen der Dokumentation „Golda“, die wir uns gemeinsam ansahen. Eine Dokumentation mit bisher unveröffentlichtem Material eines Interviews mit Golda Meir kurz vor ihrem Tod.
Die Diskussion im Anschluss an den Film unterschied sich vehement von andere Diskussion, die ich in letzter Zeit über die Politik Israels führte. Das lag schlicht weg und ergreifend daran, dass wir uns zum einen alle der Komplexität des Nahostkonfliktes bewusst sind und wir uns schon seit Jahrzehnten damit beschäftigen, zum anderen, dass wir am 7. Oktober 2023 alle gemeinsam ein Trauma erlitten haben, dass bleiben wird.
Der Film, der unter anderem den Jom Kippur Krieg von 1973 thematisiert, steht in ebenfalls in diesem Kontext. Am 7. Oktober 2023, fast auf den Tag genau, ebenso an einem jüdischen Feiertag (Simchat Tora), wurde Israel wieder angegriffen, rief Erinnerungen wach und erzeugte erneute seelische Verletzungen für das jüdische Volk auf der ganzen Welt.
Das Massaker der Hamas am 7. Oktober über 1200 israelischen Zivilisten in ihren Häusern und auf einem Musikfestival, war für uns alle eine Zäsur, die Narben hinterlassen hat. Narben, die sich aufgrund der Reaktionen in Deutschland und der Welt, tief in unsere jüdische Haut gegraben haben. Wir bekamen wieder einmal Tätowierungen – nicht auf der Haut nach außen sichtbar – aber in unserer Seelen. Tätowierungen, die uns unsere Individualitäten und unsere Namen nehmen sollten. Tätowierungen, die uns als Juden markieren, darauf reduzieren und uns somit unausgesprochen aus dem Kollektiv der Menschheit entfernen möchten.
Menschen, deren Tod bejubelt wird und deren Mörder als Freiheitskämpfer gefeiert werden.
2024 werden Hakenkreuze auf die Wände von Wohnungen und Häusern jüdischer Menschen in Deutschland gesprüht und jüdischen Studenten wird, von einem linken und palästinensischen Mob, weltweit der Zugang zu ihren Universitäten verweigert. Sie werden krankenhausreif geschlagen, mit Messern attackiert und die Politiker halten Reden, die diese Vorfälle verurteilen. Was ist die Konsequenz? Nichts, denn auf all die schönen Worte folgen keine Taten. Jüdische Studenten trauen sich seit einem halben Jahr nicht mehr in ihre Unis, Eltern nehmen ihren Kindern die Davidstern-Ketten ab und flehen sie an nicht zu erwähnen, dass sie jüdisch sind.
Was haben Juden in Deutschland mit einem Krieg in Gaza zu tun? Fahren wir die Panzer, tragen wir Maschinengewehre oder fliegen Kampfflugzeuge? Nein – natürlich nicht.
All diese Übertragungen und Anschuldigungen, unabhängig davon wie Meinung eines jeden Einzelnen ist, sind Verallgemeinerungen, Vereinfachungen, und Zuschreibungen, wie sie schon Samuel Huntington in seinem umstrittenen Essay „Clash of Cultures?“ darlegt, wenn er Menschen nur auf ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur definiert. Diesen Zuschreibungen sind wir seit dem 7. Oktober jeden einzelnen Tag ausgesetzt.
Die Vorpremiere zu einem anderen Film mit dem Fokus auf Golda Meir, „Golda- Israels eiserne Lady“, wurde zwei Tage zuvor in einem Frankfurter Kino abgesagt, denn es sollte ein Gespräch mit einem israelischen Zeitzeugen dieser Zeit stattfinden. Kritisiert wurde unter anderem, dass kein Gesprächspartner der arabischen Seite vorgesehen war und dass die geplant Preview „unseren [Christopher Bausch, Betreiber der Arthouse-Kinos Frankfurt] eigenen Diskursvorstellungen nicht mehr gerecht“ werde[1].
Da frage ich mich jedoch, wie viele israelische Zeitzeugen zu einer Premiere eines arabischen Filmes eingeladen werden würden, wenn es der umgekehrte Fall wäre. Außerdem hätte man Sicherheitsbedenken auf Grund des Filmes und wolle die Mitarbeiter des Kinos keinem Risiko aussetzen. Von welchem Risiko sprechen wir hier? Einem eventuellen Anschlag? Das wird nicht explizit geäußert, ist aber implizit zu verstehen, als ein befürchteter Angriff auf eine jüdische Veranstaltung. Vor wem fürchtet man sich hier? Nun, ich denke nicht vor uns Juden und aber dennoch scheint es wohl besser zu sein, wenn wir von der Bildfläche und vor allem von den kulturellen Bühnen der Stadt verschwinden. Zurück ins Ghetto!
Das zermürbt, frustriert, macht Angst, erzeugt Wut und gleichzeitig Ohnmacht und in der Konsequenz ghettoisiert man sich mittlerweile freiwillig selbst – aus Eigenschutz. Man zieht sich zurück in eine Community, in der man frei sein kann, weil man sich nicht rechtfertigen muss, dass man existiert.
Dieser Nachmittag, war ein Ort der Freiheit, an dem wir alle durchatmen konnten.
[1] Vgl. dazu u.a., faz.net: Empörung über Absage von „Golda“-Preview; Frankfurter Rundschau: Spielte Gaza-Konflikt eine Rolle bei Filmansage in Frankfurt? Kinos und Veranstalter äußern sich.; Tageschau.de: Frankfurter Kino sagt Veranstaltung zu Golda-Meir-Film ab: „Ernsthafte Sicherheitsbedenken“.