Nachtdienst Winter 2025
Das Rettungsdiensttelefon klingelte eine Minute nach Dienstbeginn.
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Die Meldung: Ein Sohn steht vor der Wohnung seines Vaters, der nicht öffnet. Die Polizei ist vor Ort, die Feuerwehr bricht die Tür auf.
Bilder rasen mir durch den Kopf. Bilder, die ich schon gesehen habe, Bilder, die ich befürchte, vorzufinden. Auf halbem Weg zum Einsatzort kommt die Nachricht von der Leitstelle, dass der Einsatz storniert ist. Der Vater ist verstorben.
Ich bin erleichtert. Erleichtert darüber, nicht schon wieder einen toten Menschen sehen zu müssen. Erleichtert darüber, mich nicht schon wieder mit dem Ende des Lebens in all seiner Kälte und Erbarmungslosigkeit auseinandersetzen zu müssen.
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Je länger ich diesen Job mache, umso schwerer fällt es mir, mit diesen Situationen so umzugehen, dass sie mich nicht persönlich belasten.
Ja, vielleicht bin ich egoistisch, weil ich nicht an den Sohn denke und mich nicht damit auseinandersetze, wie es ihm wohl gerade geht. Demjenigen, der definitiv davon betroffen ist, sich mit einer Situation auseinandersetzen muss, die unumkehrbar ist.
Ich habe lediglich Angst vor der Konfrontation, die mich höchstwahrscheinlich eines Tages selbst betreffen wird – es sei denn, ich überlebe eine der wöchentlichen Fahrten, zu meinem Arbeitsplatz ins Ausland und wieder zurück nach Hause, nicht.
Manchmal wünsche ich mir, dass es so wäre. Nicht, weil ich suizidal bin, sondern weil ich zu feige bin, mich dem Ende des Lebens stellen zu müssen. Mich der Situation stellen zu müssen, für immer von einem geliebten Menschen verlassen zu werden.
Zurück im Krankenhaus wende ich mich der Arbeit zu, die ich vor dem Einsatz begonnen habe. Danach ist es ruhig, und ich lege mich im Ruheraum hin.
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1:42
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Der nächste Einsatz.
Bewusstlose Person in einer Asylunterkunft.
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Ein schmuckloser, quadratischer Raum. Ein Doppelstockbett. Unten auf dem Bett liegt eine junge schwarze Frau und zittert, reagiert nicht auf unsere Fragen, ist aber nicht bewusstlos. Die Vitalparameter sind normal. Sie schlägt sich mit der flachen Hand gegen den Kopf. Der Versuch, sie in mehreren Sprachen zu beruhigen, schlägt fehl. Stehen und erst recht laufen ist nicht möglich, da sie sofort zusammensackt. Eine körperliche Ursache scheint nicht vorzuliegen. Alles deutet auf eine psychische Ursache hin. Ein Kollege holt den fahrbaren Stuhl, um die Frau aus der dritten Etage des Gebäudes (ohne Aufzug) zum Rettungswagen zu bringen.
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Ich sehe mir, während wir auf den Kollegen warten, den Raum, in dem wir uns befinden, genauer an, den ich beim Betreten mit einem kurzen Blick gescannt habe, bevor ich die Patientin erreichte.
Auf dem Boden – einen Tisch sehe ich nicht – stehen mehrere Koffer. Sie sind offen, in ihnen liegen Kleider. Frauen- und Männerbekleidung. Es stehen kleinere Koffer in der Ecke, viele Plastiktüten, und in einem der kleineren Koffer sehe ich Kinderbekleidung. Ich schaue noch einmal zum Bett – aber dieses Mal auf die obere Etage – und sehe ein schwarzes, schlafendes Mädchen, das ich unter dem Berg von Decken nicht wahrgenommen hatte. Ihr Alter kann ich schlecht schätzen. Vielleicht zehn oder zwölf? Ich frage mich, wie sie bei der grellen Beleuchtung und dem Lärm im Zimmer überhaupt schlafen kann. Will sie die Augen nicht öffnen, weil sie es nicht ertragen kann zu sehen, was sie dann sehen wird? Ihre Mutter in einem hilflosen Zustand.
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Mein Blick wendet sich wieder der Frau zu, von der ich nun annehme, dass sie die Mutter des Kindes ist. Sie hat begonnen, Laute von sich zu geben. Ich meine zu verstehen, dass sie etwas sagt wie „Ma fille“, also „meine Tochter“. Ich versuche, ihr auf Französisch zu erklären, dass sie im Bett liegt und schläft. Sie fragt weiter: „Mon mari?“ Mein Kollege erklärt ihr auf Französisch, dass sich der Mann auf dem Flur befindet und mit uns gemeinsam in die Klinik fährt, in die wir sie bringen werden.
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Dann beginnt sie zu hyperventilieren und stöhnt.
In diesem Moment erscheint auf dem oberen Bett, hinter dem schlafenden Mädchen, ein weiteres Mädchen, sehr viel jünger. Vielleicht sechs oder sieben.
Sie registriert all die fremden Menschen im Raum, sieht die Mutter auf dem Boden sitzen, die sich immer wieder mit der Hand gegen den Kopf schlägt und nun undefinierbare Laute von sich gibt.
Sie rüttelt das schlafende Mädchen an der Schulter und weckt sie.
Sie ist schnell wach und sieht das Chaos, das in diesem kargen, kalten Raum herrscht.
Ihre Augen weiten sich entsetzt, sie klettert in hektischen Bewegungen aus dem Bett und rennt aus dem Raum, ohne auch nur ein zweites Mal nach ihrer Mutter zu sehen.
Etwas war in dem Blick des Mädchens, das ich erst später einordnen konnte, weil ich erst dann erkannte, dass diesem Blick etwas fehlte: Überraschung. Es war ein Blick, der rückblickend zu sagen schien: „Oh nein, nicht schon wieder. Ich will hier weg.“
Die kleine Schwester wird von einer Frau der Security auf den Arm genommen und aus dem Zimmer gebracht.
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Im Rettungswagen. Eine Elektrolytinfusion ist angeschlossen, die Vitalparameter sind nach wie vor stabil und unauffällig.
Auf der 20-minütigen Fahrt ins Krankenhaus wird die Frau ruhiger, und sie atmet wieder normal.
Dann fängt sie auf einmal an zu lachen, scheint mit einer unsichtbaren Person am Ende der Trage zu sprechen, nimmt den Sättigungsclip vom Finger, küsst ihn und legt ihn sich auf die Brust mit den Worten: „Mon bébé“.
Dann fragt sie mich, ob ich die Musik höre, und sie beginnt zu singen. Keine richtige Melodie, aber sie hat eine schöne Stimme. Sie beginnt, sich im Takt zu ihrer eigenen Musik zu bewegen. Sie tanzt im Liegen.
Ich schaue mir ihren Asylausweis an, und dort steht „São Tomé und Príncipe“ als Herkunftsland.
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3:32
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Wieder in meinem Krankenhaus angekommen, hole ich meinen Rucksack und mein Laptop aus meinem Bereitschaftsdienstzimmer und gehe in die leere Cafeteria. Schlafen kann ich jetzt nicht mehr.
In meinem Kopf herrscht ein Chaos, das ich nicht einordnen kann, aber muss. Also beginne ich zu schreiben.
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Ich war ärgerlich, dass ich wegen einer „durchgeknallten“ Frau mitten in der Nacht in die Kälte und den Regen hinaus musste. Ich war ärgerlich, weil wir einen Rettungsdiensteinsatz hatten, der eigentlich keiner war, und ich dachte daran, wie viel dieser Einsatz kostet.
Dieser Ärger begann jedoch relativ schnell auf der Fahrt ins Krankenhaus zu schwinden. Stattdessen stürzten viele Gedanken und damit verbundene Gefühle auf mich ein, während ich die Hand der Frau hielt, die irgendwann meine ergriffen hatte, während sie auf der Trage lag und die Musik hörte, die lediglich in ihrem Kopf existierte, die ich aber zu glauben begann.
Was aber existierte neben der Musik noch in dem Kopf dieser Frau? Mein Kollege sagte mir, dass sie wohl die Woche zuvor schon einmal eine Panikattacke hatte.
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Welche Panik löst dieses Verhalten aus?
Ist sie traumatisiert oder psychisch krank, und war sie es schon, bevor sie hierherkam?
Wenn sie traumatisiert ist, was hat dieses Trauma ausgelöst?
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Ich beginne mich zu schämen, weil ich so oft mit mir hadere, so weit entfernt von zu Hause zu arbeiten.
Ich schäme mich, wenn ich daran denke, wie oft ich hier in meinem Zimmer sitze und weine, weil ich mich einsam fühle und Heimweh nach meiner Familie, meinen Freunden, meiner Sprache und meinem Land habe.
Ich schäme mich, weil ich ein privilegiertes Leben führe, ein Auto habe, das mich in viereinhalb Stunden nach Hause bringt, in eine wunderschöne große Wohnung, mit Dingen, die das Übermaß deutlich machen, in dem ich lebe.
Ich schäme mich, weil ich mich ständig über den Winter beschwere.
Ich schäme mich, weil ich permanent jammere, dass ich endlich meine Rente will und nicht mehr arbeiten möchte.
Ich schäme mich, weil ich undankbar bin.
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Ich habe mir auf der Rückfahrt Bilder von São Tomé angesehen. Bilder, die die Lust wecken, die Koffer zu packen und dort Urlaub zu machen.
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Was geht in dieser Frau vor, die so weit entfernt von dieser paradiesischen Heimat ist und nun bei Minusgraden in einem fremden Land lebt? Die einzige Privatsphäre: ein karger Raum, ohne Bilder an den Wänden. Ein kleiner Plastikeimer mit Putzutensilien, auf der blumenlosen, nackten Fensterbank die Zahnbürsten der Familie, über einem grauen Linoleumboden, der vor lauter geöffneten Koffern, die das Leben dieser vier Menschen beinhalten, fast nicht mehr zu sehen ist.
Was hat dieses Paar bewegt, seine Heimat zu verlassen?
Was waren sie gezwungen, sich und ihren Kindern zuzumuten?
Was wird aus diesen beiden Mädchen werden?
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Ich werde es nie erfahren.
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5:06
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Ich bin dankbar, dass ich eine Familie habe, die ich liebe und die gesund ist.
Ich bin dankbar für meine Freunde, die ich zu Hause habe.
Ich bin dankbar, in einem Land arbeiten zu können, welches mir berufliche Anerkennung und finanzielle Sicherheit gibt.
Ich bin dankbar, dass ich in Deutschland lebe – einem Land, in dem es zwar politisch drunter und drüber geht – das mir dennoch Heimat ist und Freiheit und Sicherheit gibt.
Ich bin dankbar, dass ich mehr habe, als ich wirklich brauche.
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