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Ich bin kein Baby-Boomer – Ich habe einen Namen

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Nachdem ich einen bestimmten Podcast gehört hatte, merkte ich, wie viel mich an den dort

gemachten Aussagen störte. Mehr noch: Sie lösten Frustration und Wut aus. Nicht wegen einzelner

Meinungen, sondern wegen der dahinterstehenden Haltung, Menschen auf Zahlen zu reduzieren.

Ja, die wirtschaftliche Lage eines Landes lässt sich in Daten abbilden. Aber wir reden hier nicht

über Statistiken. Wir reden über Menschen. Und Menschen in Zahlen zu verwandeln, ist ein Akt der

Entmenschlichung.

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Ich bin keine Ökonomin, ich komme aus den Geisteswissenschaften. Gerade deshalb sehe ich

Gesellschaft und Probleme aus einer anderen Perspektive. Und ich stelle fest: Zu oft werden

komplexe Herausforderungen ausschließlich aus einem ökonomischen Blickwinkel betrachtet. So,

als sei dieser Zugang alternativlos und universell gültig.

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Doch wenn wir nur durch die Brille der Wirtschaft auf unsere Welt schauen, übersehen wir etwas

Entscheidendes: den Menschen.

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Gleichzeitig wird viel über Diversität, richtige Sprache, Anerkennung und Sensibilität gesprochen.

Wer welche Pronomen wählt. Wer wie bezeichnet werden möchte. Und das ist wichtig. Umso

irritierender ist es, wie selbstverständlich ganze Generationen pauschal in Schubladen sortiert

werden. „Die Baby-Boomer“ – als wären wir eine homogene Masse, ein Problemblock, ein

demografisches Hindernis.

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Ich verweigere mich dieser Zuschreibung.

Ich bin kein Kollektivbegriff.

Ich habe einen Namen.

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Wenn ich beobachte, wie 20- und 30-Jährige über meine Generation sprechen, in einem Ton, der

sich in keiner queeren Community durchsetzen würde, empfinde ich das als entwertend. Da wird

nicht über Lebensleistungen gesprochen, sondern über angebliche Lasten. Nicht über Menschen,

sondern über eine statistische Kategorie.

Dabei habe ich in meinem Leben mehr für diese Gesellschaft getan, als jede ökonomische Kennzahl

jemals abbilden könnte.

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Ich arbeite seit 34 Jahren als Krankenschwester, war alleinerziehende Mutter und stand dennoch

regelmäßig am finanziellen Limit. Ich habe Menschen in Not, Schmerz und Lebensgefahr begleitet.

Ich habe in Nachtdiensten Leben gerettet, während andere schliefen. Und trotzdem wurde Pflege

nie als ökonomisch wertvoll begriffen.

Nach einer fünfjährigen Ausbildung wurde ich behandelt wie eine Arbeitskraft zweiter Klasse.

Körperlich erschöpft, emotional belastet und schlecht bezahlt. Und jetzt soll ich mir anhören, ich

solle bitte arbeiten, bis ich – hoffentlich aus Sicht mancher Ökonomen – noch vor der Rente

„sozialverträglich ablebe“?

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Ideen wie ein „freiwilliges soziales Jahr für Rentner“ wirken vor diesem Hintergrund wie blanker

Hohn. Gemessen an meinen 45 Arbeitsjahren und dem Gehalt, das ich dafür erhalten habe, habe ich

längst vier Jahrzehnte eines solchen „sozialen Jahres“ geleistet.

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Dass ich nicht mehr in Deutschland arbeite, liegt genau an dieser ökonomischen Logik. In der

Schweiz verdiene ich das Doppelte und, fast noch wichtiger, ich erfahre dort Anerkennung – etwas,

das mir in Deutschland über Jahrzehnte verwehrt blieb.

Ich wurde von meinem eigenen Land in ein System gedrängt, in dem menschliche Arbeit nur dann

zählt, wenn sie wirtschaftlich verwertbar ist.

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Und nun soll ich noch länger in diesem System bleiben? Noch mehr arbeiten? Mich noch weiter

ausbeuten lassen?

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Nein.

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Diese Sichtweise auf Menschen ist falsch. Sie ist entwürdigend. Sie ist unmenschlich.

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Ich bin 55 Jahre alt.

Ich bin Fachkrankenschwester für Anästhesiemedizin.

Ich bin alleinerziehende Mutter einer wunderbaren Tochter.

Ich habe in Deutschland drei Jahrzehnte lang Leben gerettet.

Ich arbeite heute in der Schweiz, studiere Kulturwissenschaften und trage viele Identitäten in mir:

Amateurfunkerin, Klarinettistin, Jüdin, Fotografin, Mensch.

Und ich habe einen Namen.

Ich bin Hannah Wolf.

Keine demografische Kategorie.

Kein „Baby-Boomer“.

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