Drei Generationen
Wie lange ist es her, seit wir drei uns das letzte Mal gesehen haben?
Eigentlich noch nicht so lange, anderseits ist aber doch sehr viel Zeit vergangen.
Es ist schon komisch mit der Zeit. Wie subjektiv wir sie empfinden und doch steckt in dieser Subjektivität eine nicht zu leugnende Logik.
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Interessanterweise wurde ich erst vor einigen Tagen mit genau diesem Thema konfrontiert. Bei welcher Gelegenheit? Nun, ich wage es kaum zu sagen, aber tatsächlich, als ich mit meiner Tochter Star Trek schaute. Die Serie, Star Trek – The Next Generation. Dort setzte sich der Androide Data mit dem Thema Zeit auseinander, und welche Bedeutung sie hat. Warum dieser wirklich messbare Abschnitt in unsere aller Leben so oft so unterschiedlich bewertet wird, obwohl es, um sie zu analysieren und zu messen, ganz klare Parameter gibt, die keine Unklarheiten hinterlassen.
Data, eine künstliche Intelligenz, eschaffen um logisch zu handeln und zu analysieren und frei von jedweden Emotionen konnte nicht nachvollziehen, warum sich Menschen auf so subtile Weise mit der Zeit auseinander setzen. Er konnte nicht verstehen, warum eine klar definierte und genau gemessene Zeitspanne für die eine Person lange erscheint und für die andere kürzer. Natürlich verhält sich die Empfindung, ob Zeit nun schnell oder langsam vergeht, direkt proportional zu der Situation, in welcher wir uns befinden und auch wie wir sie subjektiv betrachten.
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Warum aber empfinde ich die Zeitspanne, die seit unserem letzen Zusammentreffen vergangen ist, kurz, aber auch gleichzeitig lang?
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Nun, im Vergleich zu anderen Bekannten, welche ich regelmäßig treffe, sehe ich meine Mama recht häufig, was die Zeitspanne kurz erscheinen lässt. Wenn ich aber bedenke, dass sie schon über 80 ist, (was ich nicht oft mache, weil sich mir dann nämlich regelmäßig die Kehle zuschnürt), dann ist definitiv zu viel Zeit vergangen, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Ich merke auch jetzt, dass ich gar nicht über weitere Gedanken diesbezüglich sprechen oder gar nachdenken möchte. Ich hasse es, dieses Sitzen auf dem Schleudersitz, diese Ohnmacht, nichts gegen das Ende einer Zeitlinie tun zu können. Es macht mich wahnsinnig, traurig, wütend und vor allem panisch.
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Da sitzen sie beide, nebeneinander auf dem Sofa. Die eine 82 Jahre alt, die andere 13. Sie sind beide blond, schmal von Gestalt, haben blaugraue Augen und könnten, würde man sich den Gedanken eines Zeitsprunges erlauben, ein- und dieselbe Person sein.
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Sie sind sich so ähnlich und doch so verschieden, aber sie ergänzen sich und damit auch mein Leben perfekt. Hier sitzen die beiden Menschen, welche für mich am wichtigsten, wertvollsten und liebsten sind. Ich setze mich zu ihnen und wir werden zu unserer persönlichen Dreieinigkeit. Mutter, Tochter und Enkelin. Zwei Mütter, zwei Töchter und eine Oma, dennoch nur drei Personen. Diese beiden Menschen um mich zu haben, ist ein unbezahlbares und einzigartiges Geschenk.
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Wir schauen Bilder von Miri in ihren ersten beiden Lebensjahren. Bei einem Bild verweilen wir mit den Blicken, denn ein ganz ähnliches, mit fast derselben Frisur und demselben Gesichtsausdruck existiert von meiner Mutter, als sie ein kleines Mädchen war. Allerdings liegen zwischen den beiden Bildern ganze 69 Jahre. Dann möchte meine Tochter Bilder von mir sehen, als ich in ihrem Alter war. Meine Mama und ich waren und sind zum Glück Frauen, welche schon immer fotografisch das Leben ihrer Kinder festgehalten haben.
Natürlich kann man sich auch so, an die Momente erinnern, aber diese Bilder haben ein Stückchen Zeit eingefroren – erhalten – konserviert. Nicht nur wir drei, die auf den Bildern abgebildet sind, sondern auch die Emotionen. Sie sind so ausgeprägt auf unseren Gesichtern zu lesen. Sie sind so offensichtlich, klar und ehrlich.
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Noch eindrucksvoller ist es auf Filmen. Schaut man sich einen Film an, welchen man vor 12 Jahren gedreht hat, dann ist es fast schon magisch. Es ist eine abgewandelte und sehr vereinfachte Form der Zeitreise, aber man kann dennoch noch einmal diese Momente erleben und das mit fast allen Sinnen. Die Mimik und die ersten Schritte meiner Tochter zu sehen, zu hören, wie wir redeten und lachten und die Erinnerungen an den unverwechselbaren Duft von Miris Babyhaut ist in diesem Moment wieder präsent.
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Es ist schön, jetzt nach 12 Jahren, gemeinsam die Zeit noch einmal Revue passieren zu lassen. Gemeinsame Erinnerungen und Empfindungen treten zu Tage und ich weiß in diesem Moment ganz genau, dass wir alle drei, ohne darüber zu sprechen, dasselbe empfinden. Das große Glück einander zu haben.