Anashim – Menschen
Mittwoch: Reflexionen einer Woche
Es ist ein Mittwochabend in der letzten Augustwoche dieses Jahres. Noch immer schenkt uns der Sommer aus der Ferne seine Farben, sein Licht, seine Wärme und seine besondere Atmosphäre. Man geht abends durch die Stadt – eine Stadt mitten in Deutschland – und doch hat man das Bedürfnis, ein Sommerkleid anzuziehen und sich mit Freunden in einem Restaurant auf der Straße zu treffen.
Die Sehnsucht nach der unbeschwerten Lebenslust des Südens: abends das Leben für diesen Tag noch einmal neu zu beginnen, eine zweite Phase einzuleiten. Das Leben mit netten Menschen zu genießen, ohne sich Gedanken über die Zeit zu machen, die vergeht – und erst recht nicht darüber, dass man am nächsten Tag wieder aufstehen muss, um im Alltag zu versacken.
Diese Sommerwoche war jedoch, abgesehen von der mediterranen Atmosphäre, auch eine ganz besonders eindrucksvolle. In diesen drei Tagen habe ich Menschen erlebt, kennengelernt und beobachtet, die mich auf ganz unterschiedliche Weise bewegt haben – manche direkt, manche indirekt.
Sonntag: Der seidene Faden
Wie es so oft ist, gibt es Tage, die von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gleichtönig und unspektakulär, ja fast langweilig sind, und dann gibt es Tage, an denen man das Gefühl hat, die Stunden reichten nicht aus, um alles unter einen Hut zu bringen.
Heute war ein solcher Tag. Er begann um 9:30 Uhr mit einem Kochkurs, den ich belegt hatte. Danach wollte ich mich mit einer Freundin treffen, und im Anschluss, um 17:00 Uhr, hatte ich noch Probe mit meinem Klezmer-Ensemble in Frankfurt.
Der Kochkurs und das Treffen mit der Freundin ließen sich noch gut vereinbaren, aber ich muss gestehen, dass ich – obwohl ich wirklich gerne mit meinem Ensemble musiziere – kaum noch Lust hatte, nach Frankfurt zu fahren. Die Arbeitswoche war stressig gewesen, ich hatte viele lange und anstrengende Dienste hinter mir, und ich sehnte mich nach Ruhe und Erholung. Eigentlich hatte ich nach dem Kaffee mit N. das Bedürfnis, wieder nach Hause zu fahren, mich auf die Couch zu setzen und einfach nur ein schönes Buch zu lesen.
Wir waren noch in dem Café, als mich die Nachricht erreichte:
„Hallo Hannah, wir proben heute nicht …“
Und ich muss gestehen, dass ich zunächst dachte, da habe jemand meinen Wunsch erhört – bis ich weiterlas:
„… weil es zu viele Absagen gibt … Benno hatte vorgestern einen Herzinfarkt.“
Der Schreck und die Scham waren gleichzeitig präsent. Das hatte ich nicht gewollt, und ich ertappte mich dabei, in Gedanken zu feilschen: „Ich will nach Frankfurt fahren, ich will in der Hitze zwei Stunden Klarinette spielen, aber lass es Benno gut gehen!“ Die Wahrscheinlichkeit, dass Benno wegen eines Gedankens, den ich heute gefasst hatte, vor zwei Tagen einen Herzinfarkt erlitten haben sollte, war natürlich unrealistisch – dennoch empfand ich Schuld. Meine mangelnde Motivation erschien mir lächerlich, wenn ich an meinen Musikerkollegen dachte, der nach einer schweren Operation mit Schmerzen in einem sterilen Krankenhausbett lag, im wahrsten Sinne des Wortes dem Tod von der Schippe gesprungen war, wie ich später erfuhr, und der alles dafür gegeben hätte, Saxophon zu spielen.
Benno habe ich niemals als Freund bezeichnet. Er war für mich der Mann, der Saxophon spielt. Oft zu laut, oft war ich genervt, und jetzt würde ich mich freuen, mich über sein lautes Spiel aufzuregen, um ihm dann energisch meinen Schal in seinen Trichter zu stopfen. Auf einmal bekommt dieser Mensch eine Individualität, die man zuvor nie beachtet hat – weil sie zu unwichtig schien, weil man selbst zu oberflächlich war, um sich ernsthaft Gedanken über den Mitmenschen zu machen.
Ich stelle fest, wie dieses „Saxophon“ auf einmal mein Denken erfüllt. Wie das Gesicht dieses Musikers vor meinen Augen auftaucht und ich zum ersten Mal mit Freude wahrnehme, wie er mit Leib und Seele spielt, wie viel ihm die Musik bedeutet und wie engagiert er seine Stücke lernt. Dennoch muss ich feststellen, dass ich nichts von ihm weiß. Ich weiß nicht, was er arbeitet, ich weiß nicht, wie seine Kinder heißen, ich weiß nicht, was er gerne isst und welche Dinge ihn begeistern und erfreuen.
Wir teilen etwas so Emotionales wie Musik, wir erschaffen gemeinsam Musik – doch die eigenen Emotionen für den Nächsten sind verkümmert, weil wir uns vor allem mit uns selbst und unseren eigenen Bedürfnissen beschäftigen. Daraus ergeben sich viele Fragen. Was sagt dies alles, vor allem aber das, was ich nicht weiß, über mich aus und über meine Menschlichkeit, ja meine Mitmenschlichkeit? Wie ignorant, egoistisch und oberflächlich bin ich? Ich fühle mich beschämt und kann es nicht mehr ändern, weil es bereits geschehen ist und fast zu spät gewesen wäre, es in der Zukunft zu ändern.
Ich freue mich auf die nächste Probe mit ihm, und ich kann es kaum erwarten, zu erfahren, was seine Lieblingsfarbe ist. Meine Klarinette steht verschämt da und trauert um den großen, lauten, lebensfrohen, kranken Freund.
Montag: Liebe
Sie ist 23 und schwerstbehindert. Die Mutter wird mit in den OP kommen und bei ihr bleiben, bis sie schläft. Das waren – außer der Diagnose – weitere Informationen zu meiner letzten Patientin für diesen Tag in meinem Saal, die ich von der Schwester der Station erhielt. Ich nahm es zur Kenntnis und ging noch einen Kaffee trinken, denn ich hatte eine kurze Pause. Ich unterhielt mich mit Kollegen, wir lachten, wir jammerten über schlechte Arbeitsbedingungen und das Fehlverhalten der Obrigkeiten, und wir scherzten wieder miteinander. Dann kam der Anruf, dass die Patientin im Vorbereitungsraum des OP-Saals angekommen sei. Widerwillig machte ich mich wieder auf den Weg zu meinem OP-Saal.
Ich betrat den Raum und stand einer sehr dicken Frau gegenüber, stark geschminkt, mit künstlichen Fingernägeln, die sich über eine Patientin auf dem OP-Tisch beugte.
„Mein lieber Scholli, die hat ja ordentlich was auf den Rippen, aber künstliche Fingernägel – die reißen es aber auch nicht raus“, und ab damit in die Schublade. Ein Blick auf die Frau, und ich hatte sie unter der Kategorie „Oh weh“ abgelegt.
Ich begrüßte die Patientin, die vor mir lag, und erhielt keine Antwort. Die junge Frau reagierte nicht ansatzweise, geschweige denn, dass sie mich ansah. Sie lag wie ein gewundener Wurm auf dem OP-Tisch und schien unter den Tüchern zu versinken. Ich berührte sie an den Schultern und wiederholte mein „Hallo“, aber es erfolgte keine Reaktion. Noch nicht einmal ein Blinzeln der Augen. Den Blick auf die Mutter geheftet, ihre Hand in ihrer haltend, als würden der Augenkontakt wie auch die Hände der Mutter vor Schaden bewahren. Ich fragte sie, ob sie Schmerzen habe, aber wieder erhielt ich keine Antwort.
„Sie wird Ihnen nicht antworten“, erklärte mir die Stimme, die Sekunden zuvor dem Kind liebevoll italienische Worte geschenkt hatte. Speichel sammelte sich im Mund, und man hörte das Röcheln des Schleims in den oberen Atemwegen. Immer wieder wischte die Mutter mit einem strahlend weißen Tuch den Mund ihrer Tochter ab. Sie begann zu erzählen:
„Sie kam gesund auf die Welt.
Sie war vier Jahre alt, und sie war eine Schönheit.
Die Leute drehten sich auf der Straße nach ihr um.
Dann kam die Diagnose ‚Astrozytom‘, danach die OP – im Ausland verpfuscht und zu viel von der falschen Stelle des Kindergehirns entfernt.
Nach der OP lag sie Wochen im Koma. Als sie erwachte, war das Kind, das wir kannten, fort.
Seit diesem Tag ist sie in diesem katatonischen Zustand.
Seit diesem Tag ist mein Leben ihr Leben.
Seit diesem Tag hat sich alles geändert.
Nein, sie redet auch nicht mit mir, aber ich weiß immer, was sie braucht, was sie glücklich macht, was sie stört. Ich weiß es, weil ich es spüre.
Seit 20 Jahren bin ich 24 Stunden am Tag bei ihr. Ich schlafe mit ihr in einem Bett, damit ich höre, wenn sie nicht mehr atmet.
Sie war zwei Wochen in einem Heim – nie wieder.
Ich nehme sie immer mit. Sie hat die schönsten Schuhe und die schönsten Kleider, und oft lackieren wir die Fingernägel.
Sie ist immer noch meine Schönheit.“
Und in diesem Moment sah ich die Schönheit der Mutter.
Dienstag: Vererbte Schuld:
Es war eine Ausstellungseröffnung. Das Thema: Nashim. Ein Fotograf hatte jüdische Frauen in Deutschland fotografiert. Keine berühmten Frauen. Frauen wie du und ich. Hausfrauen, Sportlerinnen, Holocaustüberlebende, Soldatinnen, Ärztinnen und kleine Mädchen. Sie alle haben eine Geschichte zu erzählen, und sie haben sich getraut, aus dem Schatten heraus in die Öffentlichkeit zu treten, sich zu ihrer Jüdischkeit zu bekennen und stolz zu sagen: „Ich bin jüdisch, und ich bin eine Frau mit einer Geschichte.“
Auch der Fotograf war anwesend.
Eine Frau steht dabei, schwer zu schätzen, wie alt sie ist. Ich habe sie schon oft gesehen. Sie ist immer sehr engagiert bei Veranstaltungen der Christlich-Jüdischen Gesellschaft. Wir haben uns schon so oft gesehen, dass wir uns immer persönlich grüßen, ein paar Worte wechseln und dann weitergehen. Ich dachte immer, man kennt sich, aber heute lernte ich, dass ich sie immer erkannte, aber niemals kannte.
Der Fotograf erzählte von seiner Motivation für diese Fotografien, erzählte von seiner Kindheit in Tel Aviv, seinem Leben als Jude seit 40 Jahren in Frankfurt und seinem Bruder, ein Jahr alt, ermordet von den Nationalsozialisten in Polen – ohne ein Grab und ohne einen Namen. Er erzählte von den Menschen, die er durch seine Bilder erreicht, von der Botschaft, die er verbreiten möchte, von Toleranz und seinem Kampf gegen Rassismus. Er hat Charisma; wenn er redet, hört man ihm zu. Nicht nur seine Bilder, auch er selbst hat etwas zu sagen.
Ein herzzerreißendes Schluchzen und bebende Schultern lenken meinen Blick auf jene Frau, der ich schon so oft auf Veranstaltungen begegnet war. Immer gut gelaunt, immer aktiv und immer fotografierend oder filmend.
„Ich bin 20 Kilometer von Auschwitz geboren worden. Meine Eltern waren Deutsche, sie waren die Täter. Ich kann es nicht ertragen …“
Alle schauen sie an, und eine zierliche, jüdisch-israelische Frau nimmt sie in den Arm und flüstert ihr zu: „Weine nur. Hier darfst du …“
Mittwoch: Gebrochenes Herz – Warum?
„Shalom. Ma nishmá? Eifo at?“
„Tov, toda. Ani bemechonít, ba’derech habáita.“
„Hast du Zeit?“
„Ja.“
„Kannst du hören und fahren, ohne dass ich dich ablenke?“
„Natürlich. Sprich nur.“
„Ich brauche deinen Rat.“
Ich frage mich, was jetzt wohl kommt. Welchen Rat sollte ich einer Frau geben, die älter ist als ich, die erwachsene Töchter hat, die ihr Leben alleine bestreitet, überall gern gesehen und beliebt ist und als Soldatin in einem Krieg gekämpft hat? Welchen Rat könnte ich ihr geben?
„Ich habe eine Freundin. Du kennst sie. Wir kennen uns, da waren unsere Kinder noch nicht auf der Welt. Wir hatten beide nicht viel, aber viel gemeinsam. Wir lebten im Ausland, wir waren nicht sehr integriert, wir konnten beide miteinander Hebräisch sprechen. Wir waren uns in der Fremde, jede der anderen, ein Stück Heimat. Unsere Kinder kamen, andere Freunde kamen dazu, und mit den Kindern und den Freunden wuchs auch unsere Freundschaft.
Jetzt ist etwas kaputt gegangen, und ich will ihr einen Brief schreiben.
Ich lese ihn dir vor:
Liebe J …“
Dann Stille, der ein unterdrücktes Schluchzen folgt. Dann Weinen …
Und sie liest weiter den Brief, den sie ihrer Freundin schreiben möchte. Der Schmerz in ihrer Stimme spiegelt den Schmerz ihres gebrochenen Herzens. Ich höre ihr zu und merke, wie vertraut mir dieser Moment ist.
Warum verlieren wir Menschen? Heute noch, in Zeiten des Friedens, in Zeiten der medizinischen Überversorgung. Wir verlieren Menschen, weil unsere Seele ebenfalls erkrankt – und mit ihr die Fähigkeit, unsere Beziehungen zu pflegen und zu schützen.
Es sterben nicht nur Beziehungen zwischen Mann und Frau, sondern auch zwischen Freundinnen – jenen, die uns in den schlimmsten Zeiten zur Seite standen, mit denen wir unsere peinlichsten Momente ohne Scham teilten, mit denen wir ausgelassen und albern sein konnten. Freundinnen, die unsere Seelengefährtinnen waren und die nur einen Blick in unsere Augen werfen müssen, um zu verstehen. Freundinnen, die uns besser kennen als unsere Mütter.
Zerbricht eine solche Freundschaft, ist es, als würde das Fundament unseres Lebens einen Riss bekommen. Sie sind es, die uns stützen und aufrecht halten. Verlieren wir sie, verlieren wir unseren seelischen Halt und unsere Basis.
Ich habe diese Woche eine außergewöhnliche Lektion über das Leben gelernt – und über den Menschen.
Den Menschen, dem der Boden unter den Füßen weggezogen wird.
Den Menschen, der an der Schuld seiner Eltern zerbricht.
Die unermessliche Liebe einer Mutter für ihre Tochter.
Und die Vergänglichkeit des Lebens.
Ich sehe eine Freundin und umarme sie dankbar. Ich rette durch meine Arbeit einem Menschen das Leben. Ich begegne der Mutter mit ihrer Tochter im Rollstuhl und empfinde tiefe Hochachtung für diese bewundernswerte Frau.